Warum es nur wenige Whistleblower in der Medizin gibt

Da ist ein diffuses Unwohlsein in dieser Gesellschaft. Die vielen einzelnen Skandale von gefälschten Medikamententests bis zu bestochenen Herzchirurgen, der schlechte Ruf von Arzneimittelherstellern, die unmenschlichen Erfahrungen, die Bekannte und Familie in katastrophal organisierten Kliniken gemacht haben: Sie fühlen sich an wie die Spitze eines Eisbergs aus Korruption, Geldgier und Menschenverachtung. Gleichzeitig aber genießen ÄrztInnen bei uns immer noch das höchste gesellschaftliche Ansehen und wird ihnen hohe Glaubwürdigkeit bescheinigt. Diese Diskrepanz, gemischt mit der Unmöglichkeit, sich ein unabhängiges, objektives Bild zu verschaffen, kreieren eine ambivalente Haltung dieser Gesellschaft zu ihrer Medizin: Wenn man sich als PatientIn in eine Klinik begibt, ist die Hoffnung, dass man zufällig an eine gute Abteilung geraten ist genauso groß wie die Angst, gutgläubig in eine fremdbestimmte Spirale aus Fehlbehandlungen und Pfusch zu geraten, aus der man gebrochen und für das Leben gezeichnet erst wieder hinausgelangen wird. Was aber ist wahr? Niemand weiß es, weil es keine Transparenz gibt.

Diese fehlende Transparenz ist eines der größten Probleme unseres Gesundheitswesens: Nur weil es ein hochkomplexes System mit unglaublich vielen Beteiligten ist, können sich in diesem Dickicht viele sicher sein, dass ihr Fehlverhalten unentdeckt bleibt. Wo viele Beteiligte sind, kann vielen die Schuld zugesprochen werden, können Geldströme sehr komplex umgeleitet werden und braucht es einen enormen Arbeitsaufwand und große externe Expertise, um durch diesen Dschungel überhaupt durchsteigen zu können. Letztere jedoch fehlt: Es gibt in Deutschland nur eine einzige Schwerpunktstaatsanwaltschaft für die Gesundheitswirtschaft, dabei arbeiten allein 10% aller deutschen Angestellten in diesem Bereich. Auch die Zahl der JournalistInnen auf diesem Gebiet, die nicht für brancheneigene Medien wie das Ärzteblatt arbeiten, ist erstaunlich gering. WhistleblowerInnen könnten hier vielleicht Abhilfe schaffen, aber von ihnen gibt es nur sehr wenige in der Medizin. Warum ist das so?

1) Wenn jemand wie Edward Snowden Dokumente leakt, dann muss er sich keine Gedanken darum machen, dass er die ärztliche Schweigepflicht verletzt. Viele Missstände in Kliniken lassen sich nur mit Dokumenten belegen, die hauptsächlich sensible Patienteninformationen beinhalten. Wenn ein Chefarzt beispielsweise auf dem Papier an einem Vormittag vier PrivatpatientInnen abrechnet, obwohl er nur ein oder zwei tatsächlich in dieser Zeit operieren kann, dann braucht man die OP-Pläne des entsprechenden Tages, um das belegen zu können. Es ist oft nicht möglich, als Whistleblower aus solchen Dokumenten alle sensiblen Patienteninformationen zu entfernen, ohne dass das Dokument dadurch seine Aussagefähigkeit verliert. Wenn er oder sie das jedoch nicht tut, dann macht er sich schuldig des Verletzens der ärztlichen Schweigepflicht. Auch deswegen kuriseren so viele Horrorgeschichten aus deutschen Kliniken, die sich jedoch nicht belegen lassen – und damit für Justiz und Presse unbrauchbar bleiben.

2) Das Gesundheitssystem ist nicht nur hochkomplex, sondern auch einer der Wirtschaftssektoren mit den starresten Hierarchien. Universitätsprofessuren und damit die sogenannten Meinungsführer werden in einem vorsintflutlichen System der Berufungen bestimmt, in denen jahzehntelange Seilschaften, gefälschte OP-Statistiken und geheime Telefonate mehr entscheiden als Qualifikationen und Ausbildung. Die so bestimmten Professuren sind dann jedoch unkündbar – selbst wenn ein Chefarzt Patienten mutwillig die Behandlung verweigert kann er nicht seine Professur verlieren – dafür müsste er schon einen Mitarbeiter vergewaltigen. Wer denkt, dass wenigstens an kleineren Krankenhäusern andere Sitten herrschten: Nun, das ist nur teilweise richtig – auch die dortigen Chefs werden primär von den Professoren der Universitätskliniken bestimmt: Chefarzt an einem sogenannten „peripheren“ Krankenhaus wird man im Regelfall auch nur, wenn man vorher Oberarzt an der Uniklinik war, schon die Bewerbung muss einem von seinem Professor erlaubt werden. Zusätzlich sind die meisten kleinen Krankenhäuser verpflichtet, die Zustimmung des nächsten  Universitätsklinikums einzuholen, wenn sie einen neuen Chefarzt einstellen wollen.

In einem solchen System, in dem eine kleine Elite von zu 90% männlichen UniversitätsprofessorInnen bestimmen kann, was in allen anderen Kliniken in Ausbildung und PatientInnenversorgung geschieht, kann man sich nicht gegen einen solchen Professor auflehnen, ohne danach „völlig verbrannt“ zu sein. Es gibt nicht wenige ÄrztInnen in leitender Funktion, die dieses System der gegenseitigen Abhängigkeiten in vertraulichen Gesprächen als mafiös bezeichnen. Das Ausmaß der gegenseitigen Abhängigkeiten ist so groß, dass man sogar im Regelfall Gefälligkeitsgutachten schreibt, wenn man eine Forschungsarbeit eines Kollegen oder einer Kollegin begutachten soll, deren Daten offensichtlich gefälscht sind. Extrem heikel wird es, wenn man Gutachten in Kunstfehlerprozessen gegen einen Kollegen schreiben muss – die Angst, in die Ungnade dieses Kollegen zu fallen ist zehnmal größer als die fast nicht vorhandene Befürchtung, einem Patienten oder einer Patientin Unrecht zu tun.

3) Es gibt genug Beschäftigte im Gesundheitswesen, die unter diesen Umständen leiden. Wer jedoch einmal gesehen hat, wie Mitarbeiter, die sich einmal kritisch geäußert haben, im Anschluss daran zerstört wurden und im gesamten System keinen einzigen Job mehr fanden, dann erstickt jeder Wunsch nach Gerechtigkeit. Resignierende Sätze wie „Manche Probleme in diesem Gesundheitssystem sind so groß, dass man sie als Einzelner nicht auf seine Schultern nehmen kann. Das kann nur eine gesamte Gesellschaft tun.“ sind häufig. Deswegen: Liebe Gesellschaft, tut etwas. Denn wir können es nicht.

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